Dritte Station: Potosí

Cerro Rico

Wir schlotterten, als wir vor dem Eingang der Mine standen. Es waren um die 3 Grad Celsius, und der Wind wehte kräftig. „Tiefer in den Stollen werden es mehr als 30 Grad Celsius sein,“ sagte Claudia uns. Sie selbst hatte in den Minen gearbeitet, führte jetzt aber Touristen wie uns in die Stollen. In Gummistiefeln, gelben Anzügen, mit Helm und Kopflampe sollte es in den Berg gehen, der die Spanier einst so reich an Gold, Silber und anderen Mineralien gemacht hat.

Das ist der Cerro Rico
Das ist der Cerro Rico

Bevor es aber in die Gänge geht, mache ich mit dir noch eine Zeitreise zurück ins 16. und 17. Jahrhundert.

 

Ich fange mit einer Legende an: Ein Hirtenjunge übernachtete auf einem Berg, weil ihm Schafe weggelaufen waren. Um sich gegen die Kälte zu schützen, machte er ein Feuer. Überrascht stellte er fest, dass das Gestein in der Hitze zu schmelzen begann und silberfarben wurde. Der Schatz war entdeckt, und der Berg bekam seinen Namen: Cerro Rico (Berg reicher).

 

Die damals herrschenden Spanier bekamen Wind von den Silber- und Goldvorkommen und schauten gierig auf den Berg. Scheinbar unendlich viele, riesige Silbersäulen waren dort verborgen. Rücksichtslos ließen die Kolonialherren von einheimischen und aus Afrika eingeschifften Sklaven Schächte bauen, Steine herausklopfen und ans Tageslicht befördern. Eine mörderische Arbeit. Die Menschen wurden mit Schwertern und Gewehren gezwungen, in die Minen zu gehen. Vier Wochen waren die Minenarbeiter teilweise im Berg, ohne Licht, frische Luft, mit einem absoluten Minimum an Nahrung.

 

Heute gehen die Historiker (die Leute, die sich mit vergangenen Zeiten beschäftigen) davon aus, dass in dem Berg ungefähr acht Millionen Menschen wegen der Arbeits- und Lebensbedingungen gestorben sind. Sie starben aus Erschöpfung, durch Sprengungen, Quecksilber-Vergiftung, an Staublungen oder anderen Krankheiten.

 

Und auf der anderen Seite stand der unermessliche Reichtum. Man sagte damals, der spanische König könnte mit „seinem“ Silber eine Brücke über den Atlantik nach Spanien bauen lassen, um noch mehr davon in das Königreich zu schaffen.

 

In Wahrheit wurden die Kostbarkeiten auf Schiffe verladen und von deren Überfahrten gibt es sagenhaft Geschichten. Es war die große Zeit der Seeräuber, und manche Ladung wurde gekapert oder ging in den Tiefen des Meeres unter

Ausgerüstet für die Mine - in der Hand habe ich Getränke für Arbeiter.
Ausgerüstet für die Mine - in der Hand habe ich Getränke für Arbeiter.
Eine Gruppe Touristen auf ihrem Weg in den Berg.
Eine Gruppe Touristen auf ihrem Weg in den Berg.

Zurück ins Heute: Wir stehen wieder vor der Mine und mir ist mulmig. Draußen scheint die Sonne, der Schacht öffnet dunkel sein Maul. Ich blicke vom Berg und sehe ein weites Tal. Der Schacht dagegen ist schmal und soll noch schmaler werden. Wie gut sind die Decken und Wände abgesichert? Claudia gibt das Zeichen, es geht los. Kopflampen an und im Gänsemarsch gehen wir in den Berg. Noch können wir aufrecht gehen und unsere Gummistiefel sind zum Glück dicht, denn es geht durch Wasserlachen.

 

Je tiefer wir in den Berg vordringen, desto wärmer wird es. Wir verlassen die Spur der Loren und kriechen auf allen Vieren durch einen kleinen Gang. Eine Toruistin bekommt Beklemmungen und atmet schwer. Nach ungefähr 45 Minuten treffen wir einen Minero (Bergarbeiter), der gerade Steine aus einer Tasche in eine Schubkarre füllt. An einem Seil lässt er die leere Tasche in ein Loch, und da unten, ich kann ihn kaum erkennen, schlägt ein anderer Minero Steine aus der Bergwand und füllt sie in die Tasche. Die Mineros sind freundlich, nehmen Getränke von uns entgegen und scherzen mit Claudia. Ich bin benommen von der Brutalität der Arbeit.

 

Jeden Tag arbeiten die Männer unter diesen Bedingungen: Dunkelheit, Hitze, schlechte Luft, Enge, schwerste körperliche Anstrengungen, Gefahren von fehl geschlagenen Sprengungen.

Der Inhalt der Schubkarre wird in eine Lore geladen. Die größten Loren werden gefüllt bis zu 2,5 Tonnen schwer und per Hand geschoben. Alles wird mit Körperkraft gemacht – das Losschlagen der Gesteinsbrocken, das Hochziehen der gefüllten Säcke, das Umladen der Steine. Einfach alles.

 

Wo ist da der Unterschied zur Kolonialzeit? Abends traf ich in meiner Herberge einen ehemaligen Minero, der den Sprung aus der Mine geschafft hatte und jetzt in der Nähe von La Paz lebte. Er meinte, dass sich die Bedingungen nicht groß geändert hätten. Die Werkzeuge hätten sich nur geringfügig verbessert und das Leben in den Lehmhütten am Berg wäre auch weiterhin hart und arm.

 

Ein großer Unterschied sei allerdings, dass die Mineros heute für sich arbeiteten. Sie sind in Kooperativen zusammengeschlossen, d.h. die Arbeiter bestimmen in diesen Vereinigungen, wie und wann sie arbeiten und der Lohn geht direkt an sie. Den Preis, den sie für ihre Mineralien bekommen, können sie aber nicht bestimmen.

 

Und das große Problem ist, dass die wertvollen Mineralien wie Silber und Gold nicht mehr in großen Mengen vorhanden sind und die gezahlten Preise für Kupfer, Nickel undsoweiter gering sind. Die Konsequenz ist bittere Armut.

 

Um Minenglück zu bekommen, wird dem Tío täglich geopfert. Das ist der furchterregende Minengott, dem ich in Oruro schon begegnet war. Freitags treffen sich die Mineros und opfern dem Tío Alkohol, Zigaretten und Coca-Blätter. Dabei trinken sie selbst viel Alkohol, um ihr Elend für einen Moment zu vergessen. Claudia zeigte uns, wie die kurze Zeremonie aussah: der Tío wird mit Alkohol beträufelt, eine angezündete Zigarette wird in seinen Mund gesteckt und Cocablätter vor ihn gelegt.

 

Der furchterregende Tongott Tío, dem die Bergleute opfern
Der furchterregende Tongott Tío, dem die Bergleute opfern
An manchen Stellen ging es nur kriechend voran.
An manchen Stellen ging es nur kriechend voran.
Eine Lore wird ausgeladen - eine kräftezehrende Arbeit
Eine Lore wird ausgeladen - eine kräftezehrende Arbeit

Ich war froh und gleichzeitig erschüttert, als ich aus den Minen heraus war und mein Gesicht in die Sonne halten konnte.

 

Der Berg ließ mich aber nicht los, er prägte ja auch die ganze Stadt Potosí. Dort gibt es zum Beispiel die gewaltige, uneinnehmbare Casa Nacional de Moneda, (Haus National des Geldes), mit den mehr als ein Meter dicken Mauern. Ein Großteil der Münzen Europas wurden dort ab 1572 geprägt.

 

Auch das Münzprägen war eine harte Arbeit, die hauptsächlich von Sklaven aus Afrika geleistet wurde. Die drei großen Walzenmühlen aus Spanien wurden von jeweils vier Eseln angetrieben und pressten mit ihren schweren Walzen das Silber auf die benötigte Breite zur Herstellung der Münzen, die dann geschlagen wurden. Ende des 19. Jh. wurden dann Dampfmaschinen installiert und im 20. Jh. eine strombetriebene Münzpresse, die bis 1953 Münzen für Bolivien herstellte.

 

Heute kennen die wenigsten Menschen in Europa Potosí. Kannst du dir vorstellen, dass Potosí im 16 Jh. größer und wichtiger war als das damalige London? Man sagte Vale un Potosí (Es ist  einen Potosí wert) und das stand für den Reichtum, Macht, Ruhm der wohlhabenden Einwohner der Stadt. Wer wird wohl in 400 Jahren noch London kennen?

Die Casa de la Moneda
Die Casa de la Moneda

Für mich gehört zu den Minen im Cerro Rico und den Münzpressen in der Casa de Moneda noch das Kloster Santa Teresa.

 

Die katholische Kirche hatte auch in Potosí viel, viel Macht. Die reichen Familien schickten ihre zweitgeborenen Töchter zumeist ins Kloster und bezahlten dafür eine hohe Mitgift. Das Kloster war also reich. Es bezog auch selbst Silber aus dem Berg.

 

Obwohl die Geistlichen zunächst gegen das Kauen von Kokablättern in den Minen waren, duldeten sie es schließlich. Der Grund? Wirkstoffe in den Blättern verringern das Hungergefühl und regen die Aktivität an. Mit anderen Worten: Die Mineros aßen weniger und waren trotzdem leistungsfähiger – bis sie tot umfielen.

 

Mit dem ganzen Wissen im Kopf, stieß mich Schönheit der Altäre, Kronleuchter und Figuren im Kloster ab. Der Unschied zwischen Armut und Reichtum auf so engem Raum war so krass: auf der einen Seite das schrecklichste Elend in den Minen und auf der anderen Seite der Prunk des Klosters.

 

Aber da hört die Geschichte ja nicht auf: Als Touristin schaue ich mir am Morgen die Knochenarbeit in den Minen an, und abends gehe ich mit Bekannten lecker in einem Restaurant essen. Das hat auch einen komischen Beigeschmack.

Das Kloster sieht von außen recht schlicht aus..
Das Kloster sieht von außen recht schlicht aus..
...das ist nur einer von den Altären mit Blattgold
...das ist nur einer von den Altären mit Blattgold

Voll mit Eindrücken fuhr ich nach Sucre, der eigentlichen Hauptstadt von Bolivien.

 

Auf zur nächsten Station!

 

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Weiß oder wie?

Strahlendweiß, wollweiß, schneeweiß, mausgrau, hell-, mittel-, dunkelblau, türkis ... selbst in der Antarktis ist nicht alles weiß! In meinem Blog geht's die nächsten Wochen auf diesen Wunderkontinent. Jeden Donnerstag auf's Neue. Du wirst Pinguine sehen, gigantische Eisberge, Seeleoparden und See-Elefanten und immer wieder ein Segelschiff. Denn damit stechen wir ins eisige Meer. Ahoi!